Hermann Staudinger -
nicht nur als Wissenschaftler ein Vorbild

Der Namenspatron des naturwissenschaftlichen Gymnasiums in Erlenbach a. Main ist als Begründer der Makromolekularchemie und Nobelpreisträger ein weltweit bekannter Wissenschaftler. Zeitlebens war er den Geheimnissen des Lebens in ihren kleinsten Strukturen auf der Spur. Die Chemie und die Biologie - seine Gattin war eine bekannte Biologin -: das war Staudingers Welt. Die Politik berührte ihn dabei nur am Rande, aber sie bewegte ihn doch einige Male kräftig und hätte ums Haar das Ende seiner akademischen Laufbahn bewirkt.

Es war zu Beginn der "Nationalsozialistischen Revolution", als der Rektor der Freiburger Universität für die Entlassung Staudingers aus dem Hochschuldienst plädierte und polizeiliche Ermittlungen gegen ihn anstellen ließ. Der damalige Rektor war kein geringerer als der weltberühmte Philosoph Martin Heidegger.


Der Ablauf der Ereignisse zwischen Sommer 1933 und Herbst 1934:

1. Heidegger denunziert Staudinger

23. 4. 33:

Martin Heidegger wird Rektor der Universität Freiburg, tritt am "Tag der Nationalen Arbeit" demonstrativ der NSDAP bei und agiert stramm im Sinne der NS-Revolution, die er in seiner berühmt-berüchtigten Rektoratsrede als "Herrlichkeit des Aufbruchs" beschreibt. Der Philosoph glaubt an Hitler als Verkörperung des Schicksals (Hegel hatte es mit Napoleon genauso gemacht), sieht in der "Machtergreifung" den Beginn einer neuen Epoche (nicht nur der Politik, sondern auch der "Seinsgeschichte"), maßt sich selbst die Rolle des wissenden Führers an und handelt danach.

1933:

Das Reichsgesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (vom 7.4.33) gibt die Möglichkeit, gegen jüdische Wissenschaftler vorzugehen, aber auch, politisch unzuverlässige Professoren auszuschalten. Heidegger greift "Gerüchte" auf, die über Staudingers politische Ansichten kursieren und beginnt mit seinen Ermittlungen gegen den - bereits weltbekannten - Wissenschaftler, der seit 1925 in Freiburg lehrte.

29.9.33:

Heidegger informiert den badischen Hochschulreferenten Fehrle über seinen Verdacht.

30.9.33:

Fehrle erhebt aufgrund dieser Denunziation am folgenden Tag bereits Anzeiqe gegen Hermann Staudinger. Die Gestapo Karlsruhe ermittelt unter dem Decknamen "Sternheim" gegen Staudinger und trägt drei dicke Aktenbündel zusammen.

6.2.34:

Das Kultusministerium leitet die Unterlagen Heidegger zu und fordert diesen zu einer Stellungnahme auf.

10.2.34:

Heideggers Gutachten liegt vor.


2. Heideggers Vorwürfe gegen Staudinger

Vier Vorwürfe werden darin gegen Staudinger vorgebracht:

  1. Staudinger habe während des 1. Weltkrieges Artikel mit pazifistischer Grundhaltung geschrieben. 1917 hat er beispielsweise gewarnt: "Ein Zukunftskrieg könnte so ungeahnte Vernichtung und Zerstörung bringen, und bei dieser Situation erscheint die Frage nach einem wirklich dauernden Frieden als eine Aufgabe der gesamten Menschheit..." Staudinger argumentierte also als Wissenschaftler, der besorgt war über die tödlichen Kapazitäten der modernen Waffen-Technik. In den Augen Heideggers war dies ein Affront gegen den deutschen Nationalismus.

  2. Staudinger, der damals (seit 1912) als Professor im liberalen Zürich lebte, hatte sich um die Schweizerische Staatsbürgerschaft beworben. Im Rückblick erschien diese Absicht in Heideggers Augen verwerflich: Staudinger habe seinen Antrag 1917 "in der höchsten Notzeit des Vaterlandes" gestellt. Außerdem bestehe der Verdacht, der Chemieprofessor könnte kriegswichtiges Wissen an die Fremdmächte verraten haben. (Der Landsturmmann Heidegger war als meteorologischer Kundschafter für Gaseinsätze im Krieg eingesetzt und wußte um die Bedeutung der Chemie für die Kriegstechnik).

  3. Am Ende des Weltkrieges habe Staudinger erklärt, daß er sein Vaterland "niemals mit der Waffe oder sonstigen Dienstleistungen" unterstützen werde. Dadurch hat er sich in den Augen des Freiburger Rektors des unnationalen Idealismus schuidig gemacht.

  4. Schließlich wird Staudinger als Opportunist bezeichnet, der "sich heute als 100-prozentiger Freund der nationalen Erhebung "ausgibt". In Heideggers Augen war Staudinger der typische Hochschullehrer, der ohne den notwendigen politischen oder revolutionären Impuls sich nur um seine wissenschaftliche Arbeit kümmert.

Heideggers Schlußfolgerung: Da Staudingers Ansichten "weiten deutschen Kreisen bekannt geblieben sind, verlangt auch das Ansehen der Universität Freiburg ein Einschreiten ... Es dürfte eher Entlassunq als Pensionierung in Frage kommen."


3. Entlassung? Pensionierung? Weitermachen?

17.2.34:

Staudinger wird vorgeladen und verhört. Er wird dabei von den "Vorwürfen" überrascht, die er nicht abstreiten kann. Der Kultusminister kommt deshalb am

22.2.34

zu folgendem Schluß:

"Aufgrund dieser Tatsachen kommt Prof. Dr. Staudinger als Erzieher für die deutsche akademische Jugend nicht mehr in Betracht; ich erachte die Voraussetzungen für die Entfernung von der Universität Freiburg ... als gegeben".

25.2.34:

Staudinger veröffentlicht in der Düsseldorfer "Völkischen Zeitung" einen Artikel über "Die Bedeutung der Chemie für das deutsche Volk" und schickt einen Sonderdruck an den Kultusminister in Karlsruhe persönlich. Es ist eine "good-will-Aktion"; er kämpft offensichtlich um seinen Lehrstuhl. Der Freiburger Oberbürgermeister Kerber setzt sich für Staudinger ein.

5.3.34:

Selbst Heidegger rät nun zur Mäßigung und schlägt die zweitschlechteste Lösung vor: keine Entlassung, sondern Pensionierung, - " mit Rücksicht auf die Stellung, die der Genannte in seiner Wissenschaft im Ausland genießt". Der Rektor hält es für nötig, den neuerlichen Vorschlag zu begründen: "In der Sache", schreibt er, "hat sich überhaupt nichts geändert"; - seine Bewertung bleibt also die gleiche. "Es handelt sich lediglich darum, eine neue außenpolitische Belastung nach Möglichkeit zu vermeiden".

Der Schluß des Verfahrens ist noch einmal demütigend für Hermann Staudinger.

Am 14.3.34

wird er wieder vorgeladen und muß einen förmlichen Antrag auf Entlassung aus dem Staatsdienst stellen. Der Antrag, so wird ihm bedeutet, solle ein halbes Jahr ruhen; man wolle abwarten, ob "neuerliche Bedenken auftauchen".

14.4.34:

Heidegger tritt 34 als Rektor der Uni Freiburg zurück.

6.10.34:

Hermann Staudinger "durfte" seinen Entlassungsantrag wieder zurückziehen, behielt also seine venia legendi (Vorlesungserlaubnis).

Hermann Staudinger erscheint also in der Kontroverse mit dem Nationalsozialismus, als Naturwissenschaftler, der

- den Frieden einfordert angesichts der Technisierung des Krieges

- Liberalität gegen übersteigerten Nationalismus vertritt

- vom totalitären NS-Staat als Idealist denunziert wurde

Hermann Staudinger ist also nicht nur wegen seinen wissenschaftlichen Leistungen ein vorbildlicher Schulpatron.


Dr. Werner Trost, Oberstudiendirektor


Verwendete Literatur:

Farias, Victor, Heidegger und der Nationalsozialismus, Frankfurt 1989
Ott, Hugo, Martin Heidegger - unterwegs zu seiner Biographie, Frankfurt 1988
Safranski, Rüdiger, Ein Meister aus Deutschland, Heidegger und seine Zeit, München 1994

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