Hermann-Staudinger-Gymnasium
25 Jahre in Erlenbach
(Bericht vom November 1990 von Dietmar Andre)
Bildungschancen im Altlandkreis wurden verbessert
Vor 25 Jahren wurde die öffentliche Diskussion von Forderungen nach Beseitigung des Bildungsnotstandes und nach Ausschöpfung der Begabungsreserven beherrscht. Diese fanden besonders im Altlandkreis Obernburg fruchtbaren Boden: die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Nachkriegszeit hatte zwar die Bevölkerungszahl bis 1964 auf weit über 60000 Einwohner anschwellen lassen, aber es gab immer noch kein eigenes Gymnasium. Die 470 Oberschüler aus dem Landkreis Obernburg besuchten die Gymnasien in Aschaffenburg und Miltenberg, wobei sie ein oft mühevolles Fahrschülerdasein auf sich nehmen mußten.
Gründung und Namensgebung
Diese Tatsachen und der bayerische Schulentwicklungsplan aus dem Jahr 1963, der die Errichtung von 107 neuen Gymnasien vorsah, gaben den Anstoß zu den Bemühungen um Gründung eines Gymnasiums im Landkreis, die in kurzer Zeit zum Erfolg führten.
Mit Kreistagsbeschluß vom 9. April 1964 wurde offiziell die Errichtung eines Gymnasiums beim Kultusministerium beantragt. Die vorgetragenen Gründe konnten in München zwar überzeugen, jedoch waren zwei wichtige Fragen noch zu klären: die Art des künftigen Gymnasiums und der Standort. Die erste Frage wurde nach Anhörung verschiedener Gremien rasch entschieden: die stark industriell geprägte Wirtschaftsstruktur des Kreises ließ ein Mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium mit grundständigem Englisch als sinnvoll erscheinen; es sollte durch einen neusprachlichen Zweig ergänzt werden.
Ein viel heißeres Eisen war das Standortproblem, zumal sich drei Gemeinden, Obernburg, Elsenfeld und Erlenbach, um den Sitz der künftigen Schule bewarben. Die Entscheidung fiel schließlich zugunsten des damaligen Marktes Erlenbach, dessen Rat und Bürgermeister nicht nur überzeugende verkehrstechnische Gründe anzuführen wußten, sondern ein erschlossenes Baugelände und einen beachtlichen Zuschuß von 600.000 DM anbieten konnten.
Die Übernahme des Sachaufwandes durch den Landkreis Obernburg und die Bereitstellung von Räumlichkeiten in der Dr.-Vits-Schule durch den Markt Erlenbach machten endgültig den Weg frei zu Gründung des Gymnasiums Erlenbach-Obernburg, das am 10.9.1965 mit einer schlichten Feierstunde eröffnet wurde. Zum ersten Leiter der Schule wurde Studienprofessor Dr. Wilhelm Wolf aus Kitzingen ernannt, dem für 103 Schüler (3 Klassen) neben 2 Referendaren und einer Sekretärin nur nebenamtliche Lehrkräfte zur Verfügung standen. Die Grundsteinlegung für ein eigenes Schulgebäude erfolgte am 9.6.1967; bereits im folgenden September wurde mit 379 Schülern und 14 hauptamtlichen Lehrkräften der Schulbetrieb in dem halbfertigen Gebäude aufgenommen.
Die festliche Einweihung des Neubaues erfolgte am 17. Oktober 1968, verbunden mit der offiziellen Namensverleihung an das neue Gymnasium. Die Schule wurde benannt nach dem Begründer der makromolekularen Chemie, dem Nobelpreisträger Professor Dr. Hermann Staudinger (1881-1965), dessen Forschungen im benachbarten Chemie-Großbetrieb ihre technisch-industrielle Nutzanwendung gefunden haben. Seine Einstellung zu Wissenschaft, Natur und Ethik erlaubt es, ihn auch einer kritischen Jugend als Vorbild hinzustellen.
Wechselvolle Aufbaujahre
Der Übergang ins vierte Jahr der Schule war durch einen Wechsel in der Anstaltsleitung geprägt. Nachfolger von Dr. Wolf wurde Alfred Stapf, der bis dahin am Gymnasium in Miltenberg gewirkt hatte. Auf ihn kam die Aufgabe zu, die in der Zahl der Schüler und Lehrer ständig expandierende Schule weiter aufzubauen und innerlich zu konsolidieren. Dabei mußte er vor allem mit zwei Problemen kämpfen; dem Lehrermangel und der Raumnot.
Die Unterrichtung der Schüler, deren Zahl 1972/73 über 1000 anstieg, konnte zunächst nur durch Referendare sichergestellt werden, da sich die Zahl der hauptamtlichen Lehrkräfte erst Jahre später auf ca. 55 einpendelte. Da Hochrechnungen befürchten ließen, daß das Hermann-Staudinger-Gymnasium zu einer unübersichtlichen Mammut-Schule mit 1500 - 1600 Schüler werden würde, entschloß sich der Kreistag, 1972 in Elsenfeld ein Neusprachliches Gymnasium zu gründen. Da dem Hermann-Staudinger-Gymnasium gleichzeitig ein wirtschaftswissenschaftlicher Zweig angegliedert wurde, hielt sich die Entlastung in Grenzen: mehrere Klassen mußten ausgelagert werden. Dieser Umstand erschwerte die Arbeit der Lehrer ebenso wie die ständigen Unterrichtsaushilfen an der 1970 gegründeten Fachoberschule Obernburg und dem Nachbargymnasium in Elsenfeld.
Als 1974 erstmals 38 junge Menschen in Erlenbach die Abiturprüfung ablegten, schien der Aufbau des Gymnasiums abgeschlossen zu sein. Die Umstellung auf die 5-Tage-Woche und vor allem die Einführung der Kollegstufe im Schuljahr 1977/78 stärkten die Raumnot der Schule, die nur für 21 Klassen gebaut worden war, auf drastische Weise. Auf Antrag der Schulleitung beschloß schließlich der Kreistag, einen großzügig bemessenen Erweiterungsbau zu errichten, der am 19. Mai 1981 feierlich eingeweiht wurde.
Die Schule besitzt seitdem einen modernen naturwissenschaftlichen Trakt, einen neugestalteten Biologietrakt, zwei neue Musiksäle, eine vergrößerte und völlig umgestaltete Bibliothek und mehrere Arbeits- und Aufenthaltsräume, die allerdings z. T. schon wieder in Klassen- und Kursräume umfunktioniert sind.
Das innere Gesicht
Wie 1967 kommt die Mehrzahl (74%) der rund 850 Erlenbacher Gymnasiasten aus Arbeiter- und Angestelltenfamilien. Wohl wegen des fehlenden neusprachlichen Zweiges gibt es fast doppelt so viele Jungen wie Mädchen an der Schule. Um die 80% aller Schüler sind Fahrschüler; die meisten werden mit Bussen zur Schule gebracht. Die Tatsache, daß Fahrpläne eingehalten werden müssen, setzt außerschulischen Aktivitäten feste Grenzen, obwohl diese gerade von einem Gymnasium auf dem Lande erwartet werden. Dennoch kann einiges vorgezeigt werden: gut besuchte Schulfeste im Juli, Theateraufführungen und regelmäßige Konzerte. Bei diesen hat sich eine enge Zusammenarbeit mit der Stadt Erlenbach entwickelt, die dem Schulchor unvergeßliche Auftritte mit Spitzenkräften ermöglicht. So konnten z. B. Bachs Matthäus-Passion oder Mozarts "Krönungsmesse" mit Erfolg aufgeführt werden.
Das innere Gesicht der Schule hat in den Jahren seit 1979/80 durch zahlreiche pädagogisch fruchtbare Einrichtungen ein besonderes Profil gewonnen. Zu erwähnen ist der Schüleraustausch mit Partnerschulen in England und in Frankreich, das sog. Tutorensystem, das sich seit vielen Jahren bewährt hat, und das in Bayern nur ganz selten zu findende, in den Unterricht integrierte Betriebspraktikum der Leistungskurse Wirtschaft/Recht, das in Zusammenarbeit mit der IHK Aschaffenburg inzwischen regelmäßig durchgeführt wird. Die Kollegiaten sind dabei eine ganze Schulwoche lang als Praktikanten in einem Industriebetrieb der Region Untermain tätig und ergänzen ihre wirtschaftskundlichen Kenntnisse "vor Ort" in der Praxis.
Als Beweis für den guten Geist, der an der Schule herrscht, kann die Tatsache gelten, daß Schule und Lehrer von den Schülern positiv bewertet werden. Auch die Ehemaligen halten gerne Kontakt. Zu diesem Zwecke haben die ersten Abiturienten 1974 die Vereinigung der "Freunde des Hermann-Staudinger-Gymnasiums" gegründet, das jedes Jahr einige Veranstaltungen anbietet und die Mitglieder durch einen "Jahresbrief" über alles Wissenswerte informiert. Neuerdings wird eine Sammlung der Dissertationen von Erlenbacher Abiturienten angelegt, und im Rahmen des "Hermann-Staudinger-Forums" berichten junge Wissenschaftler, die aus der Schule hervorgingen, über ihre Forschungen.
